2016 Toast To The Lassies

Bernd Horlbeck, Burns Supper 2016

Ihr lieben Lassies,

wieder haben wir ein Jahr Zeit gehabt, Ideen zu sammeln, wie wir Eure zahlreichen Tugenden in einem Punkt und in einem einzelnen Moment adäquat würdigen können. Nur, wie nunmehr zur Genüge bekannt, wir Männer sammeln nicht, wir jagen. Anders ausgedrückt, was nicht wenigstens wackelt, sehen wir nicht. Da Eure Tugenden jedoch weder wackeln noch wanken, so tun wir uns hiermit recht schwer. Ihr habt endlose Tugenden, worauf wir nur sagen können:

„To our Lassies!“

… und anfügen, wir sehen sie nur nicht.

Freilich, bei den Männertugenden ist das einfacher. Zunächst ist der Männertugendwald leer. Aber dann erspäht der Jäger eine kurze blitzartige Veränderung, die auch, kaum erschienen, im Handumdrehen wieder verschwunden ist, z.B. Colin ist pünktlich oder Bernd fand zu Fuß nach Ohof oder … dergleichen mehr. Das vergisst kein Jäger. Nach Jahren noch werden wir daran erinnert. In der Wissenschaft der Männer, dem sogenannten „Jägerlatein“ nennen wir das „eine temporäre Strukturveränderung“ oder „Fluktuation“.

Nicht so bei den Frauentugenden. Der Frauentugendwald ist reich an Früchten. Nur, es fehlt das, was wir Struktur nennen, so dass wir auch keine blitzartigen Strukturveränderungen erspähen können. Dabei ist dieser ständige Strukturwandel das eigentliche Element der Sammlerin, nur eben so häufig und unsystematisch, dass wir es eher als ein Chaos empfinden, in welches wir wenigstens eine Grundstruktur hineinzubringen versuchen. Das braucht ein Jäger. Ich tue das regelmäßig, wenn ich unserem Haushalt auf gewohnt unauffällige Weise meine ordnende Hand angedeihen lasse. Ich verweise auf den von mir gewählten Terminus „auf gewohnt unauffällige Weise“, denn jeder Zutritt in fremdes Territorium sollte nach Auffassung eines Jägers stets so erfolgen, dass er nicht sofort erspäht wird und damit von Anfang an jegliche Chance auf den Jagderfolg verspielt. In der Tat bemerkt fast keine unserer Lassies, dass eigentlich wir Männer die Grundstruktur des Haushaltes aufrechterhalten oder ist hier etwa eine unter den Lassies, welche das meint?

Selbstverständlich nicht – … so wie ich es vorhergesagt habe.

Natürlich handelt es sich hierbei um Unternehmungen, welche einer Struktur bedürfen. Die Waschmaschine selbstverständlich nicht. Diese giert förmlich nach dem Chaos und somit nach einer Frauenhand. Anders aber der Geschirrspüler. Dieser ist einfach nicht für die Frau gemacht und mit Sicherheit auch von einem Manne erfunden. Bereits beim Öffnen offenbart er eine Struktur, über welche der Mann zunächst erst einmal nachdenkt, dann einordnet, nach mehreren Objekten überlegt und wieder umordnet und schließlich ggf. einige Stücke für den nächsten Reinigungsvorgang zurückhält. Das braucht etwas Zeit. Meine Frau ignoriert diese Struktur. Im Bestreben, dass bestmögliche Chaos zu erzeugen, schaufelt sie hinein, wo ihrer Meinung nach noch Platz ist.

Ein weiteres Beispiel ist der Kühlschrank, auch ein Strukturobjekt und nicht für die Frau gedacht. Grundsätzlich ist es nicht nötig, das Handeln der Frau hier zu beschreiben. Es ist wie beim Beerenkorb, der Handtasche und beim Geschirrspüler – hinein wo Platz ist. Allerdings verwenden manche Frauen im Streben nach Chaos auch zusätzliche Tricks, des Mannes Struktursinn lahm zu legen. Meine Frau wickelt z.B. viele Objekte in Alu-Folie damit ich deren Identität nicht nachvollziehen kann oder zumindest nur durch mühsames Auswickeln. Folglich weiß ich zunächst auch nicht, ob es zum Fleisch, zum Käse oder zum Gemüse gehört und kann es nicht korrekt einordnen. Verhasst ist ihr ebenso, mehrere gleichartige Objekte in direkter Nachbarschaft zu positionieren, so dass ich fast schon eine Inventur machen muss, um herauszubekommen, wie viele Gläser Senf, Kaviar oder Gurken wir eigentlich aktuell bevorraten. Den wahren Horror hat sie vor Beschriftungen. Woher soll ich wissen, wenn ich ein Objekt aus dem Tiefkühlfach hole, was ich da als Braten zuzubereiten gedenke, wenn darauf nur steht “von Mutti”.

Kurz, ich habe mich insoweit durchgesetzt, dass ich alles heimlich strukturiere. Mit Ausnahme des Kochens. Hier haben wir eine klare Abgrenzung: Ich bereite das Struktur-Fleisch und meine Frau kümmert sich um die Chaos-Soßen.

Dieses Phänomen ist so alt wie alle grundlegenden Wahrheiten.

Ein alter Grieche, ich meine jetzt nicht Christos, sondern vor knapp 3000 Jahren Hesiod, dachte seiner Zeit nach, wie wohl die Welt entstanden sei. Es sollte daraus seine Theogonie entstehen. Er grübelte viele Jahre, wie wir Männer auch heute, ohne zu einem schlüssigen Ergebnis zu kommen – bis … eine Frau in seinem Leben auftauchte. Von da an änderte sich alles. Er schrieb seine ersten philosophischen Erkenntnisse, die Frau betreffend, nieder:

„… flink bewegen sie sich auf ihren Füßen … schreiten sie in der Nacht einher, wunderschönen Gesang verbreitend.“

Sie waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht verheiratet. Er nannte die Frau, welche er da vor seinem verzückten Auge sah „eine Muse“. 2500 Jahre später schreibt Rabbie Burns nach einer Lektüre des Hesiod stellvertretend für einen Großteil der Ehemänner hierzu im Tam O’Shanter warnend:

„… doch meine Muse sei gezügelt, denn übers Maß ward sie beflügelt …“

Hesiod war zu dieser Zeit wohl noch nicht in einem derart ausgereiften Beziehungsstadium angelangt. Doch irgendwann gründeten auch sie damals einen eigenen Hausstand, in welchem natürlich die Frau das Heft in der Hand hielt und er tat das, was wir männlichen Jäger auch heute noch gern tun: er beobachtete weiter seine geliebte Muse. Und daraus erwuchs seine nächste Erkenntnis, welche er erschrocken in seiner Theogonie festhielt. Sie lautete etwas fassungslos:

Zuallererst wahrlich entstand das Chaos.

Und im sich anschließenden Teil seiner Theogonie weiß er sich nicht anders zu helfen, als Heerscharen von Göttern aufzustellen, um dem Ganzen Herr zu werden. Von da an wirkt alles zunehmend verworren und man muss es ihm nachsehen. Robert Burns bringt seine folgerichtige Schlussfolgerung später, wieder bei Tam O‘Shanter für sich selbst auf den Punkt:

Nun Maggie lauf, so schnell du kannst. Wenn du die Brücke nur gewannst, so hebe stolz den Schweif empor, weil dort der Spuk die Macht verlor.“

Und damit bringt Rabbie sogar in harmonischer Beziehung zum Thema des heutigen Abends Maggie, die treue Gefährtin des vor dem Chaos fliehenden Tam ins Spiel und er fragt sich daraufhin:

Ist solche Lust des Preises wert?

Ich denke, mit seinem Leben hat er sich die Frage selbst beantwortet und wir schließen uns ihm wieder und wieder an:

„Ja, das ist sie!“

Doch was ist der Preis? Ganz einfach, wir versuchen, so wir nicht enden wollen wie Hesiod, heimlich etwas Struktur in das Chaos zu bringen. So sind wir in ewigem Widerstreit einander unentbehrlich. Und wir wissen allzugut, dass Jäger und Sammlerin die perfekte Ergänzung darstellen. Jedenfalls hatte es Mutter Natur so vorgesehen, oder, wie es Robert Burns in „Green grow the rashes“ formuliert:

Mum Nature schwört es unser’n Lieben,
Die Frau ist unerreicht geblieben,
Der Mann war als Versuch gedacht,
Sodann hat sie die Frau gemacht.

Lassies, wir lieben Euch und wünschen uns nichts mehr als Euren ständigen Versuch, das Chaos zu errichten. Ohne den gäbe es kein Leben!

 

Gentlemen, be up on Your feet and join me in the toast

To our Lassies!